Mit66Jahren

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Darstellung von alten Charakteren oder: Wie ein junger Vampir die Welt der Alten wahrnimmt #


selbstständig erarbeitet von Lydia Pritschet

Komischer Titel, geb ich unverhohlen zu. Aber wie überall so steckt auch in diesem Titel ein Quentchen Wahrheit. Denn es ist das Benehmen der Alten, dass den Jungen sofort auffällt und an dem sie sich schlussendlich orientieren. Und es ist der große Unterschied zwischen alt und jung: Der Alte muss nach bestimmten Richtlinien (dazu komme ich weiter unten) dargestellt werden und er wird den Jungen an diesen Richtlinien messen. Ergo ist es für Junge zwangsläufig notwendig die Alten zu beobachten und sich von ihrem Verhalten etwas abzuschauen. Die Welt wird ja von brutalen Antiquitäten beherrscht.

So nun zu einer Geschichte:
1920, die goldenen 20er, da war Alkohol schon in Mode, auch der Tabakgenuss gehörte in Gesellschaft zum guten Ton, aber von Gleichberechtigung der Geschlechter war im normalen Alltag nichts zu bemerken. Unsere Protagonistin, nennen wir sie Susanne, wartet nachmittags um ca. 14 uhr auf ihrem Verlobten, nennen wir ihn Bernd. Susanne kommt aus gut bürgerlichen Verhältnissen und ihr Papa, Händler mit Kolonialwaren freut sich sehr darüber, dass er so einen gut gebildeten, anständigen und ehrenhaften jungen Mann zum Schwiegersohn bekommt. Susanne trägt einen schwarzen weiten Rock, darunter Unterhosen, die, wie es sich gehört, die Knie bedecken. Ihre weiße Bluse ist gestärt und frisch gebügelt, damit die Rüschen von ihrer Oberweite ablenken, wie es sich gehört, für ein jungfräuliches Fräulein. Den Stehkragen ziert und verschließt gleichermassen eine Brosche, ein Geschenk der Großmutter zur Konfirmation. Susanne trägt Stiefletten, jene Form von Stiefel, die kurz über dem Knöchel endet.
Der geduldige Leser mag sich denken: Was will mir die Tante sagen? Und die Tante wird immer in diesen roten Passagen deutlich machen, was sie am Geschichtchen mit Beispielen belegt. Hier: Die Dame, die damals lebte, achtete stets darauf in der Öffentlichkeit bedeckte Knöchel, bedeckte Handgelenke und bedeckte Knie zu haben. Wenn das nicht der Fall is, dann kann der betreffende Charakter damit rechnen, einen zweifelhaften Ruf zu bekommen.
Bernd, seines Zeichens ein Kavalier alter Schule, hat zwei Blumensträuße dabei, als er um 5 vor 14 uhr an der Tür des Hauses auf seine Uhr blickt. Der größere und schönere ist nicht, wie der werte Leser im Moment vermutet für Susanne, nein, er ist für ihre Mutter.
Während im inneren des Hauses noch alle Vorbereitungen für den Besuch des Herrn auf Hochtouren laufen, steht Bernd draußen und wartet exakt den 14 Uhr Schlag der örtlichen Kirche ab um dann erst an der Türe zu läuten. Dies tut er, weil es sich so geziemt. Uhrzeiten wurden peinlich genau eingehalten. Als Susanne wiederrum den 14 Uhr Schlag der Kirche hört, erneuert sie, mit größtmöglicher Vorsicht ihr Parfum, sie tropft hinter ihre beiden Ohren einen kleinen Hauch ihreres Eau de Collogne und verreibt den Rest, der noch auf ihrem Finger geblieben ist an ihren Handgelenken, ohne anschließend das Darüberziehen der Manschetten zu vergessen. Sie geht ruhigen Schrittes nach unten um den Verlobten (das Schweinchen unter den Lesern vermag gerade einiges zu denken, aber wir hören weiter) zur Begrüßung die Hand zu reichen. Bernd erwiedert diese Geste mit einem angedeuteten Handkuss. Die gleiche Geste hat Bernd auch für Susannes Mutter übrig.
Was haben wir gelernt? Der Gentleman von damals gibt der Dame immer die Zeit, die ausgemacht war, er kommt weder zu früh, noch zu spät. Die Dame hingegen ist es gewohnt die gleiche Aufmerksamkeit zu bekommen wie jede andere Frau, kein Quentchen mehr, trotz Verlobung.
Unser junges Paar setzt sich an den Kaffeetisch, sie gießt ihm von links den Kaffee ein, die Mutter reicht ihm den Kuchen. Susanne setzt sich und verschränkt die Füße an den Knöcheln, zu Bernd hingewandt lauscht sie der Konversation von Bernd und ihrer Mutter. Nach exakt einer Stunde verabschiedet sich Bernd wieder, natürlich wird ein erneuter Besuch erfragt, bei der Mutter.
Das junge Paar hat, ich merke das nur für's Protokoll an: sich nicht einmal während des Kaffees an der Hand berührt oder gar geküsst!
femme fatal spielen ist was schönes, zweifelfrei! Aber nicht zu dieser Zeit und auch nicht zuvor, außer man war kein ehrbares Mädchen. Wie man unschwer erkennen kann hat alles seine Vor- und Nachteile.

Was zum Teufel? #

Wenn man am Vampire Live interessiert ist, dann kann man aus verschiedenen Gründen fasziniert sein. Für mich war immer ein großer Punkt der, dass ich mir gerne vorgesellt habe, wie war das früher, welche Zeit war die Interessanteste? Wie war früher eine Beziehung? Wie kleidete man sich früher? Was gehörte zum guten Ton? Was war so ein gesellschaftliches Highlight?
Fakt ist, dass es, egal in welcher Zeit, zum guten Ton gehörte zu "dienen". Man war Vorgesetzten, was in den einzelnen Familien immer die Väter waren, zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Als der Adel seine Blütezeit hatte rissen sich die Leute darum dienen zu dürfen. Die Floskel "stets zu Diensten" kommt ja nicht von ungefähr. Bis 1968 waren die Jungen immer unter der Führung und dem Willen ihrer Eltern, die wussten was gut für einen ist, und so fügte man sich, auch eine Form von Dienst.

Wer also in eine Gesellschaft plobbt, die von Alten geprägt ist, der wird wahrnehmen, dass die alle erstens nicht das große Problem haben, Höhergestellten zu dienen und zweitens von jedem Untergebenen das selbige erwarten.

Was will ich mit dieser Seite zeigen?
- es ist harte Arbeit, etwas Altes glaubwürdig darzustellen
- man muss die Zeit, in der der Charakter lebte, einwenig fühlen
- man muss sich zur Darstellung Wissen aneignen
- man hat eine wesentlich geringere anzahl an Verfehlungen als Jüngere zur Verfügung
- manchmal macht dieses Over-Acting mehr Stress als Spass

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